6.2.4  Auswirkungen von Suchmaschinen auf den Journalismus

Es ist davon auszugehen, dass Google durch seine Websuche nicht nur große mediale Bedeutung im Internet hat, sondern auch das Angebot der traditionellen Massenmedien beeinflusst. Die Redaktionen von Presse und Rundfunk recherchieren intensiv mit Hilfe von Suchmaschinen. Womöglich nehmen daher manche Journalisten spezielle Themen bereits verzerrt wahr, nur, weil Google besonders wenig (oder viel) dazu findet. Und möglicherweise werden bestimmte Experten nur deshalb so oft zitiert, weil sie mit Google einfacher gefunden werden als andere Experten. [151]

Zu einer solchen Wirklichkeitsverzerrung könnte es kommen, weil die technischen Ranking- und Aktualisierungs-Algorithmen der Suchmaschinen stark selektiv sind (vgl. Kapitel 3 ). KEEL und WYSS weisen darauf hin, dass mit dem Routineeinsatz von Suchmaschinen für den journalistischen Selektions- und Rechercheprozess eine „systemfremde Logik in das journalistische Regelsystem inkludiert“ wird. [152] Zu diesem Gesichtspunkt gibt es bereits erste empirische Evidenzen aus Studien, in denen Journalisten dazu befragt wurden, wie sie im Alltag mit Suchmaschinen umgehen. KEEL und BERNET konnten in zwei repräsentativen Befragungen von deutschschweizerischen Print- und Rundfunkjournalisten belegen, dass der Anteil der Journalisten, die das Internet täglich für Ihre Arbeit nutzen von 82 Prozent im Jahr 2002 auf 92 Prozent im Jahr 2005 gestiegen ist; zugleich hat sich die eingesetzte Zeit für Onlinerecherchen deutlich erhöht. Suchmaschinen sind damit zu einem zentralen Arbeitsinstrument im Alltag der deutschschweizerischen Journalisten geworden. Sie werden von 97 Prozent als sehr wichtig oder wichtig eingeschätzt. Gleichzeitig wurde eine zunehmende Überlegenheit der Suchmaschine Google gegenüber Konkurrenzsuchmaschinen festgestellt: 97 Prozent der Journalisten geben sie als meistgenutzte Suchmaschine an (2002: 78,5 Prozent). Die große Abhängigkeit von Suchmaschinen bzw. speziell von Google wird von den Journalisten dabei nur vereinzelt als Problem angesehen. [153] Die Ergebnisse der Untersuchungen von KEEL und BERNET ‑wie auch anderer Studien [154] - zeigen, dass der Einfluss des Internets bzw. der Suchmaschinen auf die Arbeit von Journalisten deutlich zugenommen hat. Dies birgt vor allem dann Gefahr, wenn die Nutzung von Suchmaschinen unreflektiert erfolgt und auf Recherchemethoden außerhalb des Internets verzichtet wird. Intensiviert wird dieses Problem noch durch die Nutzung einer einzigen Suchmaschine. WEGNER warnt in diesem Zusammenhang vor einer „Googleisierung der Recherche“, da Google „neuerdings den kleinsten gemeinsamen Nenner für eine Vorrecherche zu definieren“ scheine. [155]

Aber Suchdienste beeinflussen den Journalismus nicht nur durch ihre wichtige Recherchefunktion. Sie selbst übernehmen auch journalistische Aufgaben. [156] „Speziell für die Suche nach aktuellen publizistischen Inhalten haben alle großen Suchmaschinen in den vergangen Jahren spezielle Suchfunktionen entwickelt.“ [157] Google News, Yahoo! Nachrichten und MSN Nachrichten betreiben automatisierte Nachrichtenportale, die im Web gefundenen Meldungen automatisch in Themenkategorien (bspw. Politik, Wirtschaft, Sport) ordnen und auf Seiten anordnen, die journalistischen Online-Angeboten stark ähneln. Diese Angebote stoßen damit in den Kompetenzbereich des traditionellen Journalismus vor. Dies ist vor allem deshalb bedeutsam, weil Online-Nachrichten heute zu den am meistgenutzten Inhalten im Web zählen. [158] Google News und Yahoo! Nachrichten gehören in Deutschland sogar zu den zehn meistgenutzten Online-Nachrichtenangeboten. [159] Aus technischer Sicht funktionieren Nachrichtensuchmaschinen ähnlich wie normale Web-Suchmaschinen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Suchmaschinenbetreiber die Art der durchsuchten Websites grundsätzlich auf journalistische Online-Angebote beschränken. Bei den meisten Angeboten dieser Art bleibt den Nutzer jedoch vorenthalten, nach welchen Kriterien die Auswahl der Nachrichten erfolgt und welche Inhalte durchsucht werden. „Eine solche intransparente und intersubjektiv nicht nachvollziehbare Quellenauswahl ist problematisch.“ [160] Hinzu kommt das Problem, dass sich Nachrichtensuchmaschinen (bisher) auf relativ wenige Nachrichtenquellen konzentrieren. [161]

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