7      Ergebnisse bisheriger Studien zur Suchmaschinenkompetenz

Um den Umfang dieses Kapitel schlank zu halten, werden die Ergebnisse zu einem bestimmten Sachverhalt im Folgenden nur einmal vorgestellt, auch wenn dieser eventuell in mehreren Studien Berücksichtigung fand. Aufgrund der zumeist unterschiedlichen Herangehensweisen sind die Ergebnisse der Studien nur bedingt vergleichbar.

7.1     Bertelsmannstudie

Die breit angelegte wissenschaftliche Untersuchung „Wegweiser im Netz“ wurde in den Jahren 2002 / 2003 durchgeführt und durch die Bertelsmannstiftung unterstützt. [203] Sie umfasst vier empirischen Teilstudien, die organisatorisch und inhaltlich aufeinander aufbauen:

Teilstudie 1 bietet einen fundierten Überblick über den Suchmaschinenmarkt (im Jahr 2003). Neben einer Sekundäranalyse kommt hier eine Befragung von Suchmaschinenanbietern zum Einsatz.

Teilstudie 2 stellt einen inhaltsanalytischen Leistungsvergleich  der marktführenden Suchmaschinen dar. Dabei wird ein breites Spektrum von Suchanfragen durchgeführt. Die von den Suchmaschinen ermittelten Trefferlisten und die dort verlinkten Webseiten werden inhaltsanalytisch untersucht.

Teilstudie 3 besteht aus zwei Teilen. In einer explorativen Vorstudie werden mit Hilfe qualitativer Gruppendiskussionen  allgemeine Wissens-, Bedürfnis-, Nutzungs- und Bewertungsstrukturen bei Suchmaschinennutzern identifiziert. Diese Ergebnisse ermöglichen im zweiten Teil eine repräsentative Telefonbefragung von Suchmaschinen- bzw. Internetnutzern, aus der repräsentative Aussagen abgeleitet werden.

Teilstudie 4 ist ein Laborexperiment, in dem das Suchverhalten von Nutzern anhand vorgegebener Suchaufgaben analysiert wird. Diese Methode erlaubt nicht nur Aussagen über Suchstrategien und Nutzungsprozesse, sondern auch über Nutzerfreundlichkeitsdefizite bei bestimmten Suchmaschinen vorzunehmen.

Abbildung 14 : Teilstudien der Bertelsmannuntersuchung

Für den in dieser Arbeit berücksichtigten Untersuchungsinhalt „Suchmaschinenkompetenz von Internetnutzern“ ist primär die nutzer-orientierte Teilstudie 3 von Belang. Für sie wurde mit Hilfe von Gruppendiskussionen und theoretischen Überlegungen ein Fragenkatalog für eine bevölkerungsrepräsentative CATI-Studie („computer-assisted telefon interview“) erstellt. Um effektiv Gruppenunterschiede innerhalb der Stichprobe (Subgruppen) untersuchen zu können, wurde der Stichprobenumfang auf netto 1000 Internet-Nutzer festgesetzt, wobei die Grundgesamtheit Personen im Alter zwischen 14 und 65 Jahren umfasste. Die Telefonbefragung wurde vom 5. bis 28. November 2002 realisiert und führte zu folgenden Ergebnissen: [204]

Subjektive Kompetenzeinschätzung: In einer Selbsteinschätzung machten die Probanden Angaben über ihre eigenes Wissensniveau bzgl. Suchmaschinen. 60 Prozent gaben an, sie seien im Umgang mit Suchmaschinen Fortgeschrittene. Ein gutes Drittel (34 Prozent) empfand sich als Anfänger und nur 6 Prozent als Suchmaschinenexperten. Wegen der ungleichen Verteilung der drei Kompetenzstufen, wurden für weitere Analysen Fortgeschrittene und Experten als eine Kategorie zusammengefasst.

Nutzungshäufigkeit von Suchmaschinen: Während 42 Prozent angaben, nur an einem Tag in der Woche oder noch seltener eine Suchmaschine zu nutzen, suchten 37 Prozent an zwei oder drei Tagen. Nur 8 Prozent der Teilnehmer sagten, sie nutzen Suchmaschinen täglich.

Haupt- und Nebensuchmaschine: Im Interview sollten die Befragten ihre Aussagen über Nutzungsgewohnheiten nicht nur auf eine einzige Suchmaschine beschränken. Zusätzlich wurde gefragt, ob sie noch weitere Suchmaschinen ‑zumindest gelegentlich‑ verwenden. Während 77 Prozent aller Internetnutzer eine einzige Suchmaschine nannten, gaben 39 Prozent eine zweite an; nur noch 11 Prozent nutzen drei Produkte, ganze 2 Prozent hatten vier Suchmaschinen im Repertoire. Die hierbei am häufigsten als zuerst genannte Suchmaschine (persönlich genutzte Hauptsuchmaschine) war mit 68,6 Prozent Google, danach folgte Yahoo! mit 10,2 Prozent, Lycos mit 4,9 Prozent, Fireball mit 2,5 Prozent und andere. Bei der Auswertung der Marktanteile von Suchmaschinen ‑unabhängig, ob sie als Haupt- oder Nebensuchmaschine‑ genannt wurden, kam Google sogar auf 75,8 Prozent.

Boolesche Operatoren: 49 Prozent der befragten Personen kannte die Möglichkeit, boolesche Operatoren (UND, ODER, NICHT) bzw. deren modifizierte Form als Plus- und Minuszeichen sowie Anführungszeichen für die Suche nach einer vollständigen Zeichenkette bzw. Phrase bei der Eingabe von Suchanfragen zu verwenden. Aber nur 20 Prozent verwenden diese Verknüpfungen bzw. Ausdrücke häufiger; 24 Prozent selten. „Damit wurde deutlich, dass die meisten Nutzer nicht willens sind, bei der Formulierung ihres Suchziels allzu viel kognitive und zeitliche Energie aufzuwenden.“ [205] Inzwischen interpretieren die meisten Suchmaschinen Leerzeichen automatisch als UND-Verknüpfung; dennoch bleibt es unmöglich, differenziertere Abfragen ohne Suchoperatoren zu stellen.

Strategien bei der Weitersuche: Was passiert, wenn die Nutzer mit den Suchergebnissen nicht zufrieden sind? Ausgehend von der Hypothese, dass Anfänger (=A) und fortgeschrittene Nutzer (=F) unterschiedliche Strategien bei der Evaluation und Weiterverarbeitung von Ergebnislisten haben, wurden den Probanden sieben Möglichkeiten des Weitersuchens vorgelegt, bei denen sie jeweils angeben sollten, ob sie das nie, selten, gelegentlich, oft oder sehr oft so handhaben. [206] Die zugrunde gelegte Skala erstreckt sich von 1=nie bis 5=sehr oft. Im Ergebnis besteht die am häufigsten verwendete Strategie bei der Weitersuche darin, die Suchanfrage mit einem anderen Suchbegriff zu wiederholen (A=4,0; F=4,2). Weit verbreitet ist auch die Wiederholung einer Suchanfrage mit anderen, hinzugefügten Suchbegriffen (A=3,7; F=4,0). Die Abweichungen zwischen den angewandten Strategien der beiden analysierten Gruppen sind nicht allzu groß. Am deutlichsten unterscheiden sich Anfänger und Fortgeschrittene bei der Verwendung von Suchoperatoren (A=3,0; F=3,5). Dies ist plausibel, da viele Anfänger diese Vorgehensweise gar nicht kennen. Gelegentlich wenden die Nutzer auch die Technik an, einfach die Trefferliste genauer zu durchsuchen (A=3,1; F=3,1). Auch die Möglichkeit, zu einer anderen Suchmaschine zu wechseln, um dort weiter zu suchen nehmen relativ wenige wahr (A=2,6; F=2,7). Die am seltensten durchgeführte Strategie ist aber das Verlassen der Suchmaschinenseite und damit die Beendigung der Suche (A=2,7; F=2,3). Darüber hinaus wurde belegt, dass sich bei den Nutzern unterschiedlicher Suchmaschinenanbieter (Google, Yahoo!, Lycos) keine auffälligen Unterschiede hinsichtlich ihrer Suchstrategien nachweisen lassen.

Finanzierung von Suchmaschinen: Den Probanden wurden sieben real existierende Finanzierungsformen vorgegeben. Diese sollten sie nach Relevanz für die Suchmaschinen bewerten. Die meisten der Befragten ‑nämlich 55 Prozent‑ hielten das Sammeln und Weiterverkaufen von Nutzerdaten für die wichtigste Erlösquelle. Auf Platz zwei folgte ‑mit 53 Prozent‑ die Finanzierung durch kostenpflichtige Premium-Dienste. 39 Prozent nahmen an, dass Websitebetreiber dafür bezahlen, damit ihre Angebote in den Ergebnislisten angezeigt zu werden. Nur 9 Prozent hielten Werbung und Sponsoring für die wichtigste Einnahmequelle der Suchmaschinen.

Problematische bzw. illegale Inhalte und Kontrolle: Bei der Frage, inwieweit Suchmaschinen vom Staat kontrolliert werden sollten, waren 84 Prozent der Teilnehmer für eine gemäßigte staatliche Kontrolle, bei der ausschließlich illegale Inhalte in Suchmaschinen verboten werden sollen. Hingegen plädierten 30 Prozent für eine harte staatliche Kontrolle, bei der der Staat nicht nur illegale, sondern auch (ethisch-) problematische Inhalte verbieten soll. 73 Prozent sprachen sich für eine Selbstkontrolle durch die Suchmaschinenanbieter aus.

Unterschiede zwischen Gruppen in Bezug auf die Suchmaschinennutzung: Nach Einteilung der Probanden in unterschiedliche  Personenkategorien mit Hilfe von sozio-demographischen Merkmalen wie Alter, Beruf, Bildung und Geschlecht ergab sich, dass die Suchmaschinennutzung für alle Gruppierungen als selbstverständlich angesehen wird. Suchmaschinennutzung ist damit nahezu unabhängig vom Schulabschluss oder der ausgeübten Beschäftigung. Auch das Geschlecht der Probanden hatte keinen deutlichen Einfluss auf die Nutzung der Suchmaschinen. Evaluierte Unterschiede zwischen den einzelnen Personengruppen stellten sich durchweg als marginal dar.

Google-Nutzer: Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass Probanden, die als Hauptsuchmaschine Google angegeben hatten, seltener Nebensuchmaschinen einsetzten als bspw. Yahoo! oder Lycos-Nutzer. D.h. dass diejenigen, die die Marke kennen und verwenden Google i.d.R. als ihr zentrales Suchinstrument einsetzen. Zudem konnten die Google-Anwender folgendermaßen charakterisiert werden: „Google-Nutzer stellen die Gruppe mit der höchsten Internet- und Suchmaschinenkompetenz dar, sie nutzen am stärksten das Internet und Suchmaschinen, haben öfters studiert und sind jünger als die anderen Gruppen. Im Gegensatz zu anderen Suchmaschinennutzern setzten sie die Suchhilfen allgemein und beruflich signifikant häufiger ein.“ [207]

 

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