9.3     Definition der Webwissenschaft / Handlungsempfehlungen für die Wissenschaft

Diese Arbeit stellt eine Momentaufnahme über die Suchmaschinenkompetenz von Internetnutzern dar. Die Erforschung dieses Themengebietes ist damit jedoch bei weitem nicht abgeschlossen. Erkenntnisse dieses Forschungsansatzes müssen zunächst durch weiter reichende, repräsentative Studien verifiziert werden und anschließend mit anderen Forschungsrichtungen wie bspw. des Suchmaschinenmarketings oder der Weiterentwicklung von Suchmaschinen (Rankingalgorithmen, Usability, Design, Hilfesystem usw.)  zusammengeführt werden.

Die Debatte um eine eigenständige Webwissenschaft wurde im Jahre 2006 vor allem durch den Begründer des World Wide Web BERNERS-LEE angeregt.[263] Er forderte in seinem Beitrag „Creating a Science of the Web“ in der Zeitschrift Science[264] die Etablierung einer eigenständigen Webwissenschaft. In Deutschland formulierte  LEWANDOWSKI (2008a) eine erste Darstellung der Themenfelder der Suchmaschinenforschung und deren Einordnung in den Kontext einer ganzheitlichen Webwissenschaft.[265] Dabei orientierte er sich an den Ausführungen von MACHILL et al. (2007).[266] Alternativ dazu legt LEWANDOWSKI (2008a) folgende Systematisierung der Suchmaschinenforschung nahe:

Tabelle 19: Systematik der Suchmaschinenforschung nach LEWANDOWSKI [267]

Information-Retrieval-Technologie:
Information-Retrieval-Systeme spielen für die Entwicklung von Suchmaschinen eine herausragende Rolle. Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Bereich vor allem auf die Verbesserung von Gewichtungsfaktoren für die Rangreihenfolge der Suchergebnisliste gelegt. Folgende Verfahren können dabei unterschieden werden: Textstatistische, popularitätsmessende (bspw. PageRank), aktualitätsmessende sowie sprach- und geolokalisierende Verfahren.
Qualität von Suchmaschinen:
Zu dieser Forschungsdisziplin gibt es bereits verschiedene Untersuchungen zu vielfältigen Einzelaspekten. Eine ganzheitliche Erschließung des Themenfeldes steht bisher jedoch aus.
Für eine systematischere Erforschung der Suchmaschinenqualität stellen LEWANDOWSKI und HÖCHSTÖTTER (2008b) in ihrem Beitrag „Web searching: A quality measurement perspective“ einen zweckmäßig gehbaren Weg vor, der sich in vier Teilbereiche aufgliedert: Qualität des Index, Qualität der Suchresultate, Qualität der Suchfunktionen, Benutzerfreundlichkeit und Benutzerführung.[268]
Information Research:
„Im Bereich Information Research geht es auf der einen Seite darum, dem Nutzer die möglichst optimalen Recherchewerkzeuge an die Hand zu geben, auf der anderen Seite geht es um die Schulung der Nutzer in Recherchekompetenz.“[269]
Nutzerverhalten:
Forschungsbedarf besteht hinsichtlich des Nutzerverhaltens insbesondere bezüglich einer detaillierten Betrachtung unterschiedlicher Nutzergruppierungen und der Berücksichtigung ihrer Wünsche zur Entwicklung der Suchmaschinen. Bspw. existieren nur wenige aktuelle Daten zur Frage, wie Kinder Suchmaschinen nutzen bzw. was sie über sie wissen. Auch die Unterschiede des Suchverhaltens zwischen Nutzern unterschiedlicher Länder und Regionen ist noch weitgehend unerforscht. „Als dritter Bereich ist die Auswertung des - über die Suchmaschinen hinausgehenden - Navigationsverhaltens zu sehen, welches Rückschlüsse auf die Interessen und Bedürfnisse der Nutzer zulässt und sich damit für eine Personalisierung der Suchergebnisse nutzen lässt.“[270]
Einen Überblick über die wichtigsten Methoden zur Analyse des Suchverhaltens gibt HÖCHSTÖTTER (2007). Sie empfiehlt die Verfahren: Befragung, Laboruntersuchung, Logfileanalyse und die Auswertung von Live-Tickern einzusetzen.[271]
Suchmaschinenökonomie:
Im Rahmen der Suchmaschinenökonomie sind nach LEWANDOWSKI (2008a) vor allem drei wichtige Untersuchungsziele herauszustellen: die Analyse des Suchmaschinenmarktes mit seinen Konzentrations- und Monopoltendenzen, die den Suchmaschinen zugrunde liegenden Geschäftsmodelle insbesondere der Werbefinanzierung sowie die Betrachtung des Bereichs der Suchmaschinenoptimierung von Websites. „In der Forschung noch unberücksichtigt ist die Frage, inwieweit es den Suchmaschinenoptimierern schon gelungen ist, für einen nennenswerten Anteil der gestellten Suchanfragen die Trefferlisten hin auf kommerzielle Treffer zu optimieren und inwieweit solche kommerzialisierten Trefferlisten als Qualitätsproblem anzusehen sind. Auf jeden Fall besteht eine Divergenz zwischen der tatsächlichen Zusammenstellung der Trefferlisten und dem Glauben der Nutzer an die Objektivität der Suchmaschinen.“

Da sich die einzelnen Forschungsbereiche nach dieser Systematik überschneiden (Schnittmengen gibt es vor allem zwischen den Bereichen „Information Research“ und „Benutzerführung“ sowie „Nutzerverhalten“ und „Information Research“) soll hier eine andere Systematik vorgeschlagen werden. Sie beinhaltet eine Zweigliederung, die sich zum einen am Untersuchungsobjekt orientiert und zum anderen den Untersuchungsgegenstand Suchmaschinenkompetenz integriert.

Tabelle 20: Themenfelder der Suchmaschinenforschung (eigene Darstellung)

Fokussierte Untersuchungsobjekte der Suchmaschinenforschung:
Suchmaschine
(Ziel: Verbesserung der Suchmaschinen)
Mensch / Gesellschaft
(Ziel: Verbesserung der Kompetenzen)

§ Suchmaschinentechnik

bspw.:
- Web-Robot-System
- Information-Retrieval-Technologie
- Grundlagen zur semantischen Suche 

§   Suchmaschinenqualität

- Index
- Suchresultate
- Suchfunktionen,
- Benutzerfreundlichkeit /  -führung

§   Suchmaschinenökonomie

- Geschäftsmodelle der Suchmaschinen
- Suchmaschinenmarkt
- Suchmaschinenoptimierungsindustrie

§   Suchmaschinenkompetenz

- Suchmaschinenkunde: Funktionsweise / Technologie
- Nutzung: Fähigkeiten / Kenntnisse bei der Anwendung
- Kritikfähigkeit: adäquate Bewertung der Suchergebnisse

§   Auswirkungen der Suchmaschinen

- auf die klassische Medienlandschaft
- auf die Gesellschaft / Politik
- auf das Internet
- auf die Wirtschaft

Je nach dem, welches Untersuchungsobjekt im Mittelpunkt der Forschung steht (bzw. welches Untersuchungsziel damit verfolgt wird), wird der Forschungsbereich entweder der Kategorie Suchmaschine oder dem Themenbereich Mensch / Gesellschaft zugeordnet. Damit wird klar, dass es sich bei Suchmaschinenforschung nicht ‑wie oft angenommen‑ um ein rein technisches Forschungsgebiet handelt. Vielmehr tritt hier der interdisziplinäre Ansatz zum Vorschein, der sich aus ganz unterschiedlichen Wissenschaftszweigen formiert. Neben den Kernfächern Informatik und Informationswissenschaft sind hier bspw. auch die Geistes- und Sozialwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie die Rechtswissenschaften zu nennen. Dies liegt darin begründet, dass es sich bei Suchmaschinenforschung um einen Teilbereich der  transdisziplinären Webwissenschaft handelt. „Keine einzelne Disziplin ist in der Lage, das gesamte durch Suchmaschinen aufgeworfene Themenfeld abzudecken. Wünschenswert ist allerdings eine verstärkte Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen, die bisher ‑oft ohne die Kenntnis der Forschungsergebnisse der jeweils anderen Fächer weitgehend für sich alleine arbeiten.“[272]

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