5      Das Phänomen des Google Imperiums

Google ist in Deutschland wie auch weltweit zum Synonym für die Suche im Internet geworden. Andere Suchmaschinen liefern ebenfalls exzellente Suchergebnisse, doch die Marke Google hat sich tief in das Bewusstsein der Benutzer eingebrannt. So stark, dass das Wort „googlen“ sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern Einzug in den allgemeinen Wortschatz gefunden hat und ein anerkanntes Verb geworden ist. [57] Diese Tatsache lässt den Einfluss dieses Unternehmens auf die globale Kultur erahnen. [58] Google ist für viele Millionen Menschen nicht mehr aus ihrem Alltag wegzudenken. Laut der vom Marktforschungsunternehmen Comscore veröffentlichten weltweiten Rangliste der beliebtesten Websites rangierten im Oktober 2007 die Seiten von Google zusammengefasst mit 583 Mio. Unique Visitors auf Platz 1. Täglich werden von Google etwa 1,2 Mrd. Suchanfragen bearbeitet, was einem weltweiten Suchdienstmarktanteil von 58.5% entspricht. In Deutschland bediente das Unternehmen ‑ebenfalls als beliebteste Website‑ im Oktober 2007 23 Mio. Besucher. [59] Laut brandchannel.com, der Internetvertretung von Interbrand, wurde Google 2006 von den Befragten zum vierten Mal in Folge zur weltweit einflussreichsten Marke gewählt. [60] Platz zwei ging an Apple. Auf Rang drei landete das von Google aufgekaufte Videoportal YouTube.

Google die weltweit einflussreichste Marke

Abbildung 10: Google die weltweit einflussreichste Marke [61]

Wenn man den finanziellen Markenwert zugrunde legt, erreicht Google gemäß dem von der renommierten US-Beratungsfirma Interbrand entwickelten Markenbewertungsverfahren in der Rangliste der weltweit wertvollsten Marken des Jahres 2007 den 20. Platz. [62] Dabei wird der Wert der Unternehmen nicht nur aus dem Umsatz, den Firmenimmobilien, den Patenten und dem Mitarbeiterpotenzial bestimmt, sondern man berücksichtigt zusätzlich auch den immateriellen Wert der Marke. Am 03. Januar 2008 hatte Google laut Google Finance [63] einen Börsenwert (market cap) von 214,4 Mrd. und war damit auch hier eines der „wertvollsten“ Unternehmen der Welt. Die Aktie wurde mit 686 US-$ notiert. Zum Börsenstart 2004 kostete eine Aktie gerade einmal 86 US-$. Damit hat sich der Preis seitdem verachtfacht. Trotz der hohen Bewertung zeigt der Trend der Aktie weiterhin eindeutig nach oben.

Entwicklung der Google-Aktie

Abbildung 11: Entwicklung der Google-Aktie seit dem 27.08.2004 [64]

Die hohe Marktkapitalisierung ermöglicht es Google, kleinere, innovative Unternehmen bzw. potentielle Konkurrenten aufzukaufen, um so seine technologische und damit wirtschaftliche Marktführerschaft zu festigen.

5.1     Geschäftsmodell und Geschäftszahlen

Die ursprüngliche Geschäftsidee Googles bestand darin, anderen Firmen Lizenzen für seine Suchmaschinentechnologie zu verkaufen. [65] Obwohl die neuartige Google-Technologie durch das von den Unternehmensgründern Page und Brin entwickelte Pagerankverfahren [66] mit Abstand führend war, gelang es nicht, adäquate Kunden zu werben und damit Gewinn zu erzielen. Dies änderte sich als Google zusammen mit den kostenfrei angezeigten Suchergebnissen kontextrelevante Textanzeigen einblendete. Bislang erwirtschaftet Google seine Umsatzerlöse fast ausschließlich durch Werbung (2007: 98,9 Prozent, 65 Prozent stammen von AdWords und 34 Prozent von den AdSense-Partnerwebseiten). [67] Dabei hat das Unternehmen mit dem Pay-for-Placement-Angebot AdWords und dem AdSense-Programm zwei innovative Ansätze entwickelt, mit deren Hilfe Werbung besonders effektiv platziert werden kann. Nachfolgend sollen nun die (bis dato) wichtigsten Komponenten des Geschäftsmodells erläutert werden:

AdWords: Die Geschäftsidee der wichtigsten finanziellen Einnahmequelle von Google wurde ursprünglich von Overture [68] (heute Yahoo! Search Marketing) aufgegriffen und entsprechend den Bedürfnissen von Google angepasst. [69] Mit diesem Angebot können Werbekunden Textanzeigen mit Hyperlinks zu ihren Websites gegen Bezahlung neben oder über den natürlichen Suchergebnisseiten platzieren. Bei der Sucheingabe von zu vor festgelegten Schlüsselwörtern werden diese Annoncen dann als Anzeigen markiert neben bzw. über den eigentlichen Suchergebnissen dargestellt. Für jede von den Nutzern geklickte Anzeige wird den Werbekunden dann ein bestimmter Betrag in Rechung gestellt (Cost-per-Click). Der Erfolg dieser Art Onlinewerbung ist auf mehrere Aspekte zurückzuführen. Zum einen auf die übersichtliche Darstellung der einheitlich formatierten Textanzeigen anstatt der von den Nutzern ungeliebten Banner und Popups. Zum anderen dadurch, dass die Anzeigen nach Relevanz sortiert sind. Dies wird dadurch erreicht, dass bei der Rangplatzierung nicht nur der gebotene Preis berücksichtigt wird, sondern auch die Klickrate (und andere Faktoren). Damit wird der Grundannahme Beachtung geschenkt, dass die am häufigsten geklickten Anzeigen auch die relevantesten sind. [70]

AdSense: Mit dem Partnerprogramm AdSense erzielt Google weitere Einnahmen, indem Text- und Bildanzeigen im Rahmen eines Partnerprogramms (Affiliateprogramm) auf Websites aller Größenordnungen ausgeweitet werden. Hierbei beliefert Google den Affiliate mit kontextbezogenen (d.h. mit auf den Inhalt der Website abgestimmten) Anzeigen, welche dieser auf seinen Seiten zur Bewerbung der Websites der Werbepartner von Google einbindet. Diese Anzeigen werden entweder nach dem Prinzip Preis-pro-Klick (Cost-per-Click) oder Preis-pro-1000-Impressionen (Cost-per-1000-Impressions) bezahlt. Gleichzeitig kann der Affiliate die Google-Web-Suche und eine interne SiteSearch anbieten. Durchsucht der Benutzer von der Website des Affiliate nun das Web, indem er Suchbegriffe in das Suchfeld eingibt, erscheinen ‑wie bei der gewöhnlichen Web-Suche über Google- zusätzlich zu den Suchergebnissen kontextspezifische Anzeigen. Werden die Anzeigen vom Nutzer geklickt, erhält der Affiliate eine Provision. [71] Durch das riesige Werbenetzwerk von Google wird durch die AdSense-Anzeigen eine enorme Reichweite ermöglicht.

Search Appliance: Google verkauft seine Such-Technologie an Unternehmen, welche die Suchmethodik im Intranet oder für ihre Websites nutzen. Dieser Service umfasst Hardware, Software sowie einen Kundendienst für eine fixe Jahresgebühr. Beispielhafte Kunden sind Boing, Cisco Systems, Volkswagen USA, Hitachi Data Systems oder die U.S. Army.

Im Jahr 2007 verging kaum eine Woche, kaum ein Tag, an dem Google nicht in irgendeiner Weise medienwirksam aktiv wurde, um eine neue Applikation oder Softwarefeature bekannt zu geben und damit sein Geschäftsfeld auszuweiten. Auch im vierten Quartal ist diese Strategie aufgegangen, was an der Unternehmensbilanz abzulesen ist. Das Kerngeschäft ‑die Websuche‑ wird weltweit immer mehr genutzt, die Werbevermarktungsaktivitäten konnten ausgebaut werden und die Zusatzdienste und -produkte sind erfolgreich. [72] Die Umsatz- und Gewinnentwicklungskurve ist damit weiterhin eindrücklich im Steigen begriffen, was an folgender Tabelle 1 abzulesen ist:

Tabelle 1 : Umsatz- und Gewinnentwicklung von Google 1999-2007 [73]

 

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

Umsatz

220 Tsd.

19,1 Mio.

86,4 Mio.

439,5 Mio.

1,4 Mrd.

3,2 Mrd.

6,1 Mrd.

10,6 Mrd.

16,6 Mrd.

Gewinn

-6,1 Mio.

-14,7 Mio.

7 Mio.

99,7 Mio.

105 Mio.

399 Mio.

1,4 Mrd.

3,0 Mrd.

4,2 Mrd.

 

5.2     Unternehmenskultur und Gründe für den Unternehmenserfolg

„Don’t be evil“ („sei nicht böse“) lautet der Leitspruch von Google. Ethisch korrektes Handeln soll die oberste Maxime in allen Geschäftsfeldern sein. Im „Code of Conduct“ („Verhaltenskodex“) stellt das Unternehmen seine angestrebte Ausrichtung und das Unternehmensziel dar. Dabei betont es die strikte Kundenorientierung und das Ziel die weltweiten Informationen zu organisieren sowie den Nutzern allgemein zugänglich zu machen. Google fordert von seinen Mitarbeitern “the highest possible standard of ethical business conduct“ und betrachtet sich selbst nicht als "herkömmliches Unternehmen“. [74]

Im Arbeitsalltag wird mehrheitlich in kleinen Teams von drei Personen gearbeitet. Von den Mitarbeitern wird erwartet, dass sie zwanzig Prozent ihrer Arbeitszeit für die Erforschung persönlicher Geschäftsideen verwenden. Dadurch soll ihnen der kreative Freiraum gelassen werden, eigenen, zukunftsweisenden Ideen und Projekten nachzugehen und diese evtl. für Google nutzbar zu machen. Auf labs.google.de werden diese Prototypen experimentierfreudigen Google-Nutzern mit der Bitte um Feedback zu einer möglichen Verwendung oder Verbesserung der Technologie vorgestellt.

In den Unternehmensniederlassungen herrscht eine offene, familiäre Atmosphäre. Die Google-Mitarbeiter („Googler“ genannt) werden mit kostenlosem Essen in bester Qualität, ärztlicher Betreuung, Sportangeboten auf gepflegten Anlagen, technischem Spielzeug, einer eigenen Kinderbetreuung und weiteren Diensten des täglichen Bedarfs versorgt. Damit soll bei den hoch qualifizierten Angestellten der Spaß an der Arbeit gefördert und eine produktive Atmosphäre ähnlich wie auf einem universitären Campus erreicht werden. [75] Von daher ist es nicht verwunderlich, dass das amerikanische Forbes-Magazin Google schon mehrmals zum weltweit besten Arbeitgeber gekürt hat. [76] Im Januar 2008 gab Google die Anzahl seiner Beschäftigten mit insgesamt 16.800 Vollzeitangestellten an. [77]

Googles überragende Erfolggeschichte beruht maßgeblich auf Mund-zu-Mund-Propaganda. So genannte Summations- oder Potenzierungseffekte entstehen in dem Moment in dem ein Mensch ein Produkt für so interessant bzw. gut hält, dass er seinem Umfeld davon erzählt (bzw. einen Verweislink im Internet setzt). Ist das Produkt nicht nur für einen, sondern für ausreichend viele Menschen interessant, entsteht ein Selbstläufereffekt nach dem Schneeball-Prinzip. Wenn versucht wird, solche Effekte zu beeinflussen bzw. anzuschieben sprechen Werbefachleute in diesem Zusammenhang auch von "viralem Marketing". Metaphorisch wird hier der Vorgang mit einer nuklearen Reaktion oder mit einem Virenangriff verglichen. [78] Für eigene Werbung gab Google am Anfang seiner Entstehungsgeschichte vergleichsweise wenig aus (2002: 48.000 US-$, 2007: 1,4 Mrd. US-$). [79]

Weitere Gründe für den beispiellosen Erfolg von Google sind in der sich ständig verbessernden Qualität der Websuche [80] , der herausragenden Usability (Gebrauchsfreundlichkeit) und des schlichten Designs der Startseite zu sehen. Der Verzicht auf überflüssige Animationen, Werbung und Pop-ups sorgt für angenehm kurze Ladezeiten, erhöht die Übersichtlichkeit und hilft mögliche Darstellungsprobleme in Browsern zu vermeiden. [81] Google bezeichnet dieses Design als "nonsens-frei". Die "Weniger-ist-mehr-Methode" ist für das Websitedesign erklärte Unternehmenspolitik. [82] Hinzu kommt die strikte Trennung zwischen „sponsored links“ und natürlichen Suchergebnissen sowie dem sich vorbehaltenen Recht von Google, die Reihenfolge der AdWords-Anzeigen nicht nur nach dem Gebot, sondern auch nach Relevanz zu sortieren. Dies hat dazu geführt, dass Werbung bei Google die Nutzer vergleichsweise nur wenig stört (vgl. Kapitel 8.4.3). Ergebnisse der Bertelsmannstudie bestätigen dies: „Ein Hauptargument für den Erfolg Googles ist demnach der weitgehende Verzicht auf Werbung und Sponsorenhinweise und die damit verbundene Übersichtlichkeit der Such- und Trefferseiten; bei beiden Ärgernissen schneidet Google weitaus besser ab, als andere Suchmaschinen.“ [83]

Google besitzt bei den Nutzern insgesamt ein positives und paradoxerweise ein wenig kommerzielles Image, obwohl Werbung die Haupterlösquelle von Google ist. Der ernorme, kommerzielle Erfolg wird von der Mehrheit der Nutzer nicht wahrgenommen. Wegen des sympathischen Images machen die massive Ausweitung der Angebote und Marktdominanz die Nutzer bisher auch nicht misstrauisch, wie das beispielsweise bei Microsoft der Fall ist.

5.3     Aktuelle strategische Entwicklungstendenzen

Zu den wichtigsten Zielen für eine erfolgreiche Geschäftsentwicklung einer Suchmaschine zählen nach GLÖGGLER [84] der Ausbau der Reichweite und die Verbesserung der Präzision von Suchergebnissen. Beide Ziele werden in der Geschäftsstrategie von Google verfolgt. Während die Suchalgorithmen ständig durch neue Programmierungen verbessert werden (müssen), wird der Ausbau der Reichweite vor allem durch neue Zusatzdienste sichergestellt. Die unzähligen Pressemitteilungen für Neueinführungen von Produkten in den letzten Jahren können dabei als Beleg für die Diversifizierung und Differenzierung des Unternehmens herangezogen werden. Ganz in der Tradition der Kostenlos-Kultur im Web sind beinahe alle Google-Angebote gratis und haben z.T. immensen Zulauf. Findet sich ein geeignetes Unternehmen, das in die strategische Ausrichtung von Google passt (wie bspw. Blogger.com von PyraLabs), wird es aufgekauft und kurzerhand in das eigene Angebot integriert. Insofern ähnelt die Expansionsstrategie Googles der von Microsoft: interessante Geschäftsfelder ausfindig machen und assimilieren. Allerdings legt Google dabei ein viel höheres Tempo vor. Während Microsoft i.d.R. abwartet, bis sich ein Markt entwickelt hat und ihn dann von hinten aufrollt, scheint es Googles Strategie zu sein, alle Geschäftfelder, die erfolgsversprechend sind, möglichst schnell zu erobern, ohne auf kurzfristige Rentabilität zu achten. [85]

Nachfolgend sollen exemplarisch nun einige für die Zukunft wichtige Geschäftsfelder von Google dargestellt werden, die von der ursprünglichen Kernkompetenz der Suchmaschinentechnologie elementar abrücken und damit gänzlich neue Märkte erschließen. Laut KAUFMANN und SIEGENHEIM arbeitet Google dabei nach einer 70-20-10-Regel: ca. 70 Prozent der Ressourcen fließen in den Ausbau und die Weiterentwicklung der Kernbereiche Suchmaschinentechnologie und Anzeigengeschäft, rund 20 Prozent werden für die Erweiterung neu eingeführter Produkte und Dienste genutzt und etwa 10 Prozent in die Erforschung und Entwicklung neuer Ideen und Konzepte gesteckt. [86] Hierbei haben die Ausgaben für Produktentwicklung (research & development) von 600 Mio. US-$ im Jahr 2005 auf 2,1 Mrd. US-$ im Jahr 2007 deutlich zugenommen (bei einem Nettoeinkommen von: 2005: 1,4 Mrd. und 2007: 4,2 Mrd. US-$). [87]

Telekommunikationsmarkt: Betriebssystem für Smartphones, Android:

Android ist eine Open-Source-Plattform für Smartphones, die von der Open Handset Alliance [88] entwickelt wird. Sie basiert auf dem Linux-Betriebssystem und verwendet die Programmiersprache Java. Damit wird Google (zusammen mit seinen Partnern) 2008 ein Handy-Betriebssystem veröffentlichen, das auf Geräten aller möglichen Hersteller laufen wird. Mit Android greift Google Microsofts Konkurrenzprodukt Windows Mobile direkt an. Da die Software open-source ist, können Firmen und Programmierer zusätzliche Funktionen zur Android Plattform hinzufügen, ohne ihren Quelltext der Community preisgeben zu müssen. Um die Entwicklergemeinde zum Mitmachen zu animieren, veranstaltet Google den Wettbewerb „Android Developer Challenge“, bei dem Gewinne im Wert von insgesamt 10 Millionen US-$ ausgeschrieben sind.

Telekommunikationsmarkt: Kostenlose Auskunft, 1-800-GOOG-411:

Seit Herbst 2007 betreibt Google in den USA unter der Telefonnummer 1-800-GOOG-411 seinen kostenlosen Auskunftsdienst GOOG-411. [89] Was für die Benutzer eine automatisierte Auskunft ist, ist für Google ein gigantischer öffentlicher Beta-Test und ein Trainingsprogramm für die selbst entwickelte Spracherkennungssoftware. „Durch das nahezu endlose Training verbessert sich das System quasi von selbst immer weiter und wird eines Tages eine 99,9%ige Zuverlässigkeit bieten können - wahrscheinlich auch mit Dialekten. Mit dieser Praktik verfolgt Google weiter die Strategie, die User umsonst für sich arbeiten zu lassen. Wenn die Spracherkennung erst einmal einen ausreichenden Wortschatz mit sehr hoher Zuverlässigkeit aufgebaut hat, wird Google diese Software wohl einmal komplett über YouTube jagen und wird Videos erstmals nicht nur anhand der Beschreibung sondern auch anhand des Audio-Inhalts analysieren können.“ [90] GOOG-411 wurde zunächst über Google Labs weiter entwickelt, bevor es im September 2007 in der endgültigen Fassung auf den Markt gebracht wurde. [91]

Klassischer Werbemarkt: Ausbau des Google AdWords-Systems:

In den USA hat Google 2007 sein AdWords-System auf Zeitungen (Print Ads), Radio (Audio Ads) und Fernsehen (TV Ads beta) ausgeweitet. [92] Die Werbung kann mit dem bisherigen AdWords-Login ‑ohne größere Vorkenntnisse‑ geschaltet werden. Falls diese Produkte in den USA „Serienreife“ erlangen, ist eine Übertragung in andere Länder durchaus denkbar.

In-Game-Advertising-Markt:

Es ist davon auszugehen, dass die Umsätze aus Werbung in Computerspielen in den nächsten Jahren enorm ansteigen werden. Schätzungen zu Folge soll bis 2010 der bisherige Gesamtumsatz dieser Branche von derzeit etwa 100 Mio. US-$ auf das fünf- bis siebenfache steigen. [93] Um an diesem Trend teilzuhaben, hat Google für 23 Mio. US-$ die Softwarefirma AdScape akquiriert, welche über das nötige Know-How in der In-Game-Werbe-Branche verfügt. Es gilt als wahrscheinlich, dass Google das geplante In-Game-Advertising in sein AdWords-System integriert.

Verlagsmarkt: Konkurrenz zu Wikipedia und Fachzeitschriften, Google knol: [94] Google hat den Anspruch, bindende und abschließende Antworten auf alle möglichen Fragen geben zu können. Einen ersten Versuch, Suchanfragen mit definitiven Auskünften zu beantworten, machte Google 2002 bis 2006 mit Google Answers [95] . „Anders als bei Wikipedia, wo der einzelne Autor nichts ist, der gemeinsam erarbeitete Inhalt dagegen das Maß der Dinge, sollen knol-Artikel Autorenwerke sein. Am liebsten wären Google offenbar schreibende Fachleute, die hoch kompetent aus ihren Fachbereichen berichten […]. Das heißt auch, dass bei knol die Doppelung von Themen von Anfang an angelegt ist: Während bei Wikipedia alle an einem Inhalt schreiben ‑dem einen Artikel zum Thema nämlich‑ konkurrieren bei knol die Autoren. Darüber hinaus […] bietet Google knol den Autoren die Möglichkeit [an], am mit ihrem Know-how generierten Umsatz zu partizipieren: Erlöse aus Anzeigen sollen mit den Autoren geteilt werden. […] Was Google auf die Beine stellt, erscheint also mehr als Konkurrenz für heutige Fachzeitschriften […]. Auf der anderen Seite schwächelt das Konzept in dem Punkt der Bewertung der Relevanz und Richtigkeit. Fachzeitschriften setzen hier auf die so genannte Peer Review durch andere Fachleute. Bei knol werden die Peers normale Websurfer sein. Im günstigsten Fall schafft es Google  […], durch [die] geplante Wertungsfunktion [durch] Nutzer […] zu einem vernünftigen Ranking zu kommen […].Wo der viel beschworene Nutzerschwarm abstimmt, setzt sich [aber] nur zu gern das Populäre gegen das Sachliche durch. Die Bereiche, in denen sich die Firma bisher vor allem blaue Augen abholte, sind ausgerechnet Community und Wissen. knol liegt genau auf der Schnittstelle.“ [96]

Internetauktionsmarkt, Jobvermittlungsmarkt u.a.: Google Base (beta):

Seit Herbst 2005 bietet Google seinen Nutzern eine kostenlose Webdatenbank an, die mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann. Je nach Inhalt wird die eingestellte Information einer von mehreren Kategorien zugeordnet. Mit diesen Kategorien wird festgelegt, auf welcher Google-Website (Google Base, Google Produktsuche oder Google Maps) die Information angezeigt wird. [97] Die Webdatenbank kann etwa als Kleinanzeigenmarkt oder Jobbörse eingesetzt werden, womit Google Base auch eine Konkurrenz für ähnliche Angebote im Internet darstellt, die meist kostenpflichtig sind (bspw. Ebay). In einem weiteren Sinne wetteifert Google Base auch mit Wikipedia. In beiden Projekten geht es darum, Datenbanken für alle erdenklichen Themen zu schaffen, möglichst viele Information zu sammeln und strukturiert anzubieten. [98]

Finanzdienstleistungsmarkt: Online-Bezahlsystem, Google Checkout: Inhaber eines Google-Login können nach einer Registrierung unter Angabe der Kreditkartennummer über Google Checkout in teilnehmenden Online-Shops bezahlen. Beim Einkaufsvorgang wird die Kreditkartennummer und auf Wunsch sogar die E-Mail-Adresse vor dem Händler geheim gehalten. Zusätzlich kann ‑unabhängig vom Verkäufer‑ der Lieferstatus nachverfolgt werden. Der Vorteil dieses Bezahlsystems besteht darin, dass sich die Käufer nicht ständig auf unterschiedliche Kassensysteme einlassen müssen, sondern eine immer wiederkehrende Struktur vorfinden. Google hebt besonders hervor, dass man sich so nicht mehr dutzende von Passwörtern für einzelne Shops merken müsse. Das in den USA im Juni 2006 eingeführte Bezahlsystem ist seit April 2007 nun auch in Großbritannien verfügbar. Es ist anzunehmen, dass Google diesen Dienst in den nächsten Monaten auf ganz Europa ausweitet. [99]

Navigationssystemmarkt: Google Maps für Handys:

Durch die Bereitstellung von Google Maps für GPS-fähige Mobilgeräte werden Navigationssysteme für Autos schon heute redundant. Es ist davon auszugehen, dass durch die stete Weiterentwicklung von mobilen Geräten, die Integration der GPS-Funktion in den nächsten Jahren zunehmend Verbreitung findet. Mit Google Maps für Handys kann man seinen Standort bestimmen und anschließend eine Routenplanung vornehmen. [100]

Software- / Hardwaremarkt: Betriebssystem für PC, gOS:

Aufsehen erregte auch das von gOS LLC entwickelte freie gOS-Betriebssystem [101] , das auf dem Betriebssystem Linux basiert und als „inoffizielles Google-OS“ durch die Presse „geisterte“. Veröffentlicht wurde es im November 2007 mit dem Verkauf eines PCs, der bei Wal-Mart in den USA für 199 $ erhältlich war. In diesem System werden die Web-Applikationen von Google eindeutig in den Vordergrund gestellt. Die Applikationsleiste beinhaltet nahezu ausschließlich Icons für Google-Dienste wie Gmail, Google Docs, Calendar, Blogger, Maps, Youtube und Product Search. [102] Obwohl der Hersteller von gOS nicht Google ist, kursierten in den letzten Jahren immer wieder Gerüchte, dass Google an einem eigenen Betriebssystem für PCs arbeite.

Fazit

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich Google aus der Rolle der klassischen Suchmaschine längst verabschiedet hat und mit dem Aufbau neuer Geschäftsfelder plant, sich weitere Standbeine zur Haupteinnahmequelle AdWords / AdSense aufzubauen. Damit soll einerseits einer der größten Kritikpunkte an Googles Geschäftsmodell entgegengewirkt werden: die einseitige Ausrichtung auf Werbung. [103] Andererseits soll sichergestellt werden, dass geminderte Werbeeinnahmen bei zukünftig möglichen Anteilsverlusten in der Websuche durch Einnahmen aus anderen Applikationen aufgefangen werden können. Die sinkenden Wachstumszahlen auf den originären Suchmärkten versucht Google außerdem durch internationale und lokalisierte Varianten auszugleichen. Jedoch stellt sich die Frage: Was ist die langfristige strategische Zielsetzung von Google? Eine Antwort auf diese Frage kann man in den Aussagen von Eric Schmidt, dem Vorstandsvorsitzenden von Google erkennen. Er sprach bspw. auf der Search Engine Strategies Conferences im August 2006 von einem „emergent new model“. Die Idee, die sich dahinter verbirgt, ist sich vom traditionellen Client / Server-Modell zu lösen und Software-Funktionalitäten direkt aus dem Netz zu beziehen. [104] Schmidt bezeichnete dieses Benutzersystem als „cloud computing“ (in etwa zu übersetzen mit „Quellwolken-IT-Services“). Dieser Ansatz ist von der Idee her nicht neu. Jedoch möchte Google die Finanzierung dieser Online-Softwarelösungen nicht kostenpflichtig nach Gebrauch abrechnen, sondern gratis bereitstellen und über Werbung finanzieren. SCHMIDT kündigte die neue Strategie so an: „There is a new business model that’s funding all of the software innovation to allow people to have platform choice, client choice, data architectures that are interesting, solutions that are new ‑and that’s being driven by advertising.“ Die ersten Schritte zum Aufbau der “cloud computing-Technologie” vollzog Google im März 2006 mit der Übernahme des kostenlosen, webbasierten Textverarbeitungsprogramms Writely von Upstartle. Writely war die Basis für die Weiterentwicklung der web-basierte Applikation Google Text & Tabellen, welche es Nutzern ermöglicht, Textdokumente, Tabellen und Präsentationen gemeinsam mit anderen Nutzern in Echtzeit online zu erstellen und zu bearbeiten.

Eine weitere strategisch elementare Zielsetzung machte SCHMIDT mit diesem Satz deutlich: „But ultimately our goal at Google is to have the strongest advertising network and all the world’s information, that’s part of our mission“. [105] In diesem Statement spiegelt sich eine signifikante Änderung wider. Bisher war Google eine Suchmaschine, die sich über kontextbezogene Werbung finanzierte. Zukünftig ist anzunehmen, dass das Anzeigengeschäft von seiner Bedeutung her als gleichberechtigt neben die Suche gestellt und als eigenständige Strategie definiert wird. Der erste Schritt in diese Richtung war der Aufbau des Affiliatenetzwerk AdSense. Nun folgen weitere Maßnahmen in Richtung klassische Medien. Hier unternimmt Google erhebliche Anstrengungen, um sein Online-Bestellsystem (AdWords) in die Offline-Werbung auszuweiten. Das AdSense-Programm soll auf diese Weise in die klassischen Werbeträger Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften sowie Außenwerbung ausgedehnt werden. Google verfolgt damit das Ziel, die Vorteile von AdSense wie die Preissetzung über Auktionen, den Kontextbezug und die Automatisierung des Bestellvorgangs auf diese Werbeträger zu übertragen. [106] Falls es gelingen sollte, die einfache Bedienung von AdWords und AdSense auf die anderen Werbeträger zu übertragen, könnte Google die Strukturen der Werbewirtschaft fundamental verändern, denn Werbetreibende würden dann zukünftig keine großen Medienagenturen mehr benötigten. Eine relativ geringe Zahl an hochspezialisierten Dienstleistern könnte dann Werbemaßnahmen im Sinne des Auftraggebers gezielt umsetzten. [107]

Zurzeit trägt der Großteil der angebotenen Zusatzdienste allerdings bestenfalls flankierend zum Gesamteinkommen von Google bei und verursacht gigantische Investitionskosten. Ein Problem dabei ist, dass viele der neuen Services aufgrund der versteckten Position innerhalb der Google-Websites von etlichen potentiellen Nutzern nicht wahrgenommen werden. „Manche […] sind so versteckt, dass man die Google Suche gezielt einsetzen muss, um diese zu finden“. [108] Den meisten der vorgestellten Produkte werden von Experten jedoch enorme Umsatzpotentiale zugesprochen. Der Schwerpunkt der möglichen Umsatzquellen dürfte hierbei in der Integration von AdSense in diese Produkte liegen. [109]

Tabelle 2: Bewertung der Umsatzpotentiale ausgewählter Google-Produkte [110]

 

Produkt

Monetarisierung

Heute

Potential

You Tube /Google Video

niedrig

sehr hoch

Google Maps

niedrig

sehr hoch

Google Mobile

niedrig

sehr hoch

Google Audio / dMarc

niedrig

sehr hoch

Google Base

niedrig

hoch

Google Checkout

niedrig

hoch

Google News

niedrig

hoch

Products Mobile

niedrig

hoch

Blogger

moderat

hoch

Google Finance

niedrig

moderat

Google Mail

niedrig

niedrig

Google Talk

niedrig

niedrig

Picasa

niedrig

niedrig

Google Docs & Spreadsheets

niedrig

niedrig

Tabelle 3: US-Ranking der Top 10 Google Produkte, Juni 2007 [111]

Rang

Produkt

Anteil an Google-Site-Visits

1

Google Websearch

69,06%

2

YouTube

11,53%

3

Google Image Search

7,58%

4

Gmail

5,27%

5

Google Video

1,44%

6

Google Maps

1,42%

7

Google News

0,94%

8

Blogger

0,49%

9

Google Book Search

0,29%

10

Orkut

0,28%


suchmaschinenkompetenz.de -> Inhaltsverzeichnis -> Das Phaenomen des Google Imperiums